Polen bereitet Tests eines autonomen Zugs im Rahmen eines gemeinsamen Projekts mit der staatlichen Eisenbahnfirma PKP, Technologieunternehmen und Forschungsinstituten vor. Das Projekt, das vom polnischen Infrastrukturministerium unterstützt wird, zielt darauf ab, fortgeschrittene Schienensysteme mithilfe des ATO-Frameworks (Automatic Train Operation) zu entwickeln und zu testen. Das Projekt wurde offiziell auf der Konferenz „Telekommunikation und IT im Schienenverkehr“ in Wisła angekündigt, bei der Stakeholder die technischen und logistischen Details der bevorstehenden Tests erläuterten.

Intersektorale Zusammenarbeit

Das Projekt vereint ein Konsortium aus Eisenbahngesellschaften, IT-Unternehmen und Forschungsinstituten, die jeweils spezialisiertes Wissen in Bereichen wie Schienenverkehrssteuerung, Softwareentwicklung und Automatisierung beitragen. Das Ziel ist es, ein vollständig integriertes autonomes Zugsystem zu entwickeln, das unter realen Bedingungen sicher und effizient betrieben werden kann. Dariusz Grajda, Vizepräsident von PKP, betonte die historische Rolle der Schiene bei der Pionierarbeit in der Technologie.

„Die Schienenverkehrswirtschaft war stets Vorreiter neuer Technologien“, sagte Grajda während der Konferenz. „Fast 200 Jahre lang waren die Lösungen im Schienenverkehr ein Symbol für Moderne und Innovation.“ Er betonte, dass das aktuelle Projekt eine Fortsetzung dieses Erbes darstellt, wobei moderne Fortschritte in KI und Automatisierung genutzt werden.

Teststrecke und technische Umsetzung

Ein Abschnitt der Strecke 48 der WKD-Linie zwischen Podkowa Leśna und Milanówek in der Nähe Warschaus wurde als Hauptteststelle ausgewählt. Die Strecke wurde ausgewählt, weil ihre Infrastruktur relativ einfach und die Verkehrsbelastung gering ist, was kontrollierte Tests ohne Störung des regulären Betriebs ermöglicht. Die erste Phase des Projekts besteht darin, ein sogenanntes „digitales Zwilling“ – eine digitale Simulation der Schieneninfrastruktur und des autonomen Zugs – zu erstellen.

Diese digitale Modell wird genutzt, um verschiedene Szenarien zu testen, einschließlich Hinderniserkennung und Zugnavigation, mithilfe von visuellen Analysealgorithmen, die durch Kameras auf dem Zug angetrieben werden. Das System wird in der Lage sein, potenzielle Gefahren zu erkennen und dem Zugführer bei Entscheidungen in Echtzeit zu helfen. Diese Phase ist entscheidend, um die Zuverlässigkeit der Technologie vor der Umsetzung in der realen Welt zu validieren.

In der zweiten Phase wird ein Prototyp des EN97-Zugs, hergestellt von der polnischen Firma PESA und betrieben von WKD, für tatsächliche Tests auf der WKD-Linie genutzt. Der Zug wird mit Sensoren und spezialisierten Software ausgestattet sein, um Tests auf dem GoA2-Niveau (Grade of Automation 2) durchzuführen – das bedeutet, dass der Zug mit einem Fahrer betrieben wird, der jedoch durch automatisierte Systeme unterstützt wird. Dieses Niveau der Automatisierung gilt als Schritt Richtung vollständige Autonomie.

Zukünftige Ziele und Sicherheitsaspekte

Das langfristige Ziel des Projekts besteht darin, die Machbarkeit von vollständig autonomen Zügen zu erkunden, bei denen kein Fahrer benötigt wird. Die Projektleiter betonen jedoch, dass dies umfangreiche Tests und strenge Sicherheitsprotokolle erfordert, insbesondere in Bezug auf die Wechselwirkung mit Straßenverkehr und Übergangsstellen. Sicherheit bleibt die oberste Priorität, da die Integration autonomer Systeme in bestehende Schienennetze besondere Herausforderungen mit sich bringt.

„Ein solcher Schritt würde umfangreiche Tests und strenge Sicherheitschecks erfordern, insbesondere im Kontext von Übergangsstellen und Wechselwirkung mit dem Straßenverkehr“, sagten die Projektverantwortlichen in einer Pressemitteilung. Die Tests sollen mehrere Monate andauern, wobei die ersten Ergebnisse und Leistungskennzahlen im Frühjahr 2027 bewertet werden.

Das Projekt entspricht breiteren europäischen Trends hin zur Automatisierung im Schienenverkehr. Ähnliche Initiativen wurden in Deutschland, Frankreich und den Niederlanden gestartet, wo autonome Züge bereits begrenzt in Betrieb sind. Polens Bemühungen sind Teil eines größeren Anstrebens, die Infrastruktur modernisieren und den Verkehr in dem Land effizienter zu gestalten.

Die Tests auf der WKD-Linie sollen wertvolle Erkenntnisse über die Leistung und Sicherheit autonomer Schienensysteme im europäischen Kontext liefern. Wenn sie erfolgreich sind, könnte die Technologie auf andere Schienennetze in Polen ausgeweitet werden, was die Betriebskosten senken und die Pünktlichkeit verbessern könnte.

Experten im Bereich betonen, dass die Einführung autonomer Züge einen bedeutenden Einfluss auf den öffentlichen Nahverkehr in Polen haben könnte. Laut einem Bericht des European Transport Research Review aus dem Jahr 2025 könnten autonome Schienensysteme die Verspätungen um bis zu 30 % reduzieren und durch optimierte Geschwindigkeit und Bremsmuster die Energieeffizienz um 15 % verbessern.

Die Teilnahme polnischer Unternehmen wie PESA an dem Projekt unterstreicht auch das Potenzial für lokale Produktion und technologische Entwicklung. Durch die lokale Entwicklung autonomer Zugtechnologie könnte Polen seine Abhängigkeit von ausländischen Lieferanten verringern und seine Position in der europäischen Schienenindustrie stärken.

Beim Fortschreiten der Tests werden die polnische Regierung und die Eisenbahnaufsicht die Ergebnisse genau beobachten. Die Ergebnisse könnten zukünftige Investitionsentscheidungen und politische Richtlinien für die Entwicklung der Schieneninfrastruktur im Land beeinflussen. Das Projekt hat auch das Potenzial, internationale Aufmerksamkeit und Kooperationen anzuziehen, was Polen weiter als führend in der Schieneninnovation positioniert.