Ein enger Berater des designierten bangladeschischen Premierministers hat erklärt, Gerechtigkeit kenne keine Grenzen. Die Äußerung zielt auf Tulip Siddiq ab, Labour-Abgeordnete und Ex-Schatzamtsstaatssekretärin, der in Dhaka Korruptionsvorwürfe drohen.

Humayun Kabir, Vertrauter von Tarique Rahman, stellvertretender Vorsitzender der Bangladesh Nationalist Party (BNP), betonte, rechtliche Verantwortung dürfe nicht durch Territorien blockiert werden. Kabir steht Rahman nahe, dem de facto Machtmakler des Landes.

Siddiq ist 41 Jahre alt. Sie ist Enkelin des bangladeschischen Gründervaters Scheich Mujibur Rahman und Nichte der gestürzten Premierministerin Scheich Hasina. Hasina floh im August 2024 nach Indien, als Studentenproteste ihre Regierung stürzten.

Der Schritt kehrt die Lage um. 15 Jahre lang verfolgte Hasinas Regierung Rahman. Er wurde in Abwesenheit wegen Korruption und Mord verurteilt. Rahman lebt seit 2008 in London. Britische Behörden lehnten Auslieferungsanträge ab.

Gründe waren fehlendes bilaterales Abkommen, Menschenrechtsbedenken und Zweifel an der Unabhängigkeit bangladeschischer Gerichte unter Hasina. Nun steht Rahman nach dem Wahlsieg der BNP im Januar 2025 vor der Machtübernahme.

Dhaka hat Fälle gegen Siddiq eingeleitet. Sie betreffen mutmaßliche Unterschlagung bei einem Kraftwerksdeal von 2013. Eine Übergangsregierung unter Nobelpreisträger Muhammad Yunus startete die Ermittlungen auf Wunsch von BNP-Verbündeten wie der Jamaat-e-Islami.

Die Antikorruptionskommission wirft Siddiq vor, 5 Millionen Dollar abgezweigt zu haben. Das geht aus Unterlagen des High Courts in Dhaka hervor. Britische Rechtsexperten halten eine Auslieferung für unwahrscheinlich.

Großbritannien und Bangladesch haben kein Auslieferungsabkommen. Britisches Recht schützt Abgeordnete vor Auslieferung, außer in Ausnahmefällen. Kein britischer Parlamentarier wurde je ausgeliefert, hieß es in einem Antrag von Siddiqs Anwälten vor dem Westminster Magistrates’ Court im Januar.

Spezielle Regelungen brauchen Kabinettszustimmung und strenge Menschenrechtsprüfungen nach dem Human Rights Act 1998. »Das ist Diplomatie als Gerechtigkeit getarnt«, sagte ein Sprecher des britischen Außenministeriums. Er wollte zu laufenden Fällen nicht mehr sagen.

Bangladeschische Beamte betonen Gegenseitigkeit. Dhaka habe London geholfen, Hunderte illegaler bangladeschischer Migranten jährlich abzuschieben. Das zeigen Home-Office-Daten für 2023-2024. »Partnerschaften wirken in beide Richtungen«, teilte eine Quelle des Außenministeriums in Dhaka mit.

Siddiq sitzt seit 2015 für Hampstead und Highgate im Parlament. Sie trat am 10. Januar 2025 als Schatzamtsstaatssekretärin zurück. Grund waren die bangladeschischen Vorwürfe. Premierminister Keir Starmer nannte die Anschuldigungen »politisch motiviert«.

Parteiinsider berichten von wachsendem Druck. Stellvertretende Parteichefin Angela Rayner fordere rasche Klärung, um Labour-Interna zu vermeiden. Rahman kennt das britische System aus seiner Exilzeit.

Er pflegte Kontakte in der bangladeschischen Diaspora und lobbyierte Abgeordnete gegen Hasinas Anträge. Rahman kehrte 2024 ungehindert nach Hasinas Fall nach Dhaka zurück. Der 60-Jährige weist alle Vorwürfe als Erfindungen der Hasina-Ära zurück.

Die Affäre belastet die Beziehungen zwischen Großbritannien und Bangladesch. London braucht Dhaka bei der Migrationsbekämpfung. Bangladesch sucht britische Investitionen nach dem Umsturz. Analysten sehen Rahmans Schachzug als Signal an Inlandgegner.

Gerichte könnten die Auslieferung blocken. »Tarique Rahman spielt langfristig«, sagte Politikanalyst Munzer Ahmed Chowdhury. »Er kennt westliche Systeme genau.« Siddiqs Büro begrüßt ein faires Verfahren, lehnt die Vorwürfe aber als Rache an ihrer Familie ab. Verhandlungen laufen in Dhaka und London weiter.