OPEC+ genehmigte eine Erhöhung der Ölförderung um 206.000 Barrel pro Tag (bpd), doch Analysten warnen, dass dieser Schritt vor allem symbolisch ist, da die Schließung des Hafens Hormuz die Erhöhung wirtschaftlich unbedeutend macht. Die Entscheidung, die im Rahmen der monatlichen Videokonferenz des Verbunds getroffen wurde, zeigt den wachsenden Abstand zwischen Produktionsquoten und physischen Lieferengpässen in der Region.
Die Illusion einer gestiegenen Versorgung
Die Erhöhung um 206.000 bpd, die größer ist als frühere Erhöhungen von 137.000 bpd, entspricht lediglich 0,2 Prozent der globalen Ölnachfrage. Jorge Leon von Rystad Energy, ehemaliger Mitarbeiter des OPEC-Sekretariats, sagte, die Entscheidung werde die Märkte nicht beruhigen. „Man kann höhere Produktion ankündigen, doch wenn Tanker in Hormuz auf Engpässe stoßen, bleibt der physische Markt weiterhin knapp.“
Der Hafen Hormuz, eine kritische Schifffahrtsroute zwischen Iran und Oman, transportiert täglich etwa 20 Millionen Barrel Rohöl und verarbeitete Produkte, also fast 20 Prozent der globalen Lieferung. Aufgrund des Konflikts ist jedoch die Schifffahrt deutlich gesunken, wobei mindestens eine Dutzend Tanker ihre Route vom östlichen Teil des Hafens abgeändert haben. Schifffahrtsunternehmen und Versicherer sind nicht bereit, ihre Schiffe in einem Kriegsgebiet zu riskieren.
Verletzbarkeit des globalen Marktes
Der Krisenherd hat die begrenzte Kapazität für Reserveproduktion auf dem globalen Ölmarkt offengelegt. Laut der International Energy Agency ist die nennenswerte Reservekapazität fast vollständig auf Saudi-Arabien und die Vereinigten Arabischen Emirate konzentriert, die zusammen etwa 2,5 Millionen bpd, also weniger als drei Prozent der globalen Lieferung, besitzen. Helima Croft von RBC Capital Markets sagte: „Reservekapazität ist derzeit praktisch nur in Saudi-Arabien vorhanden, während die anderen Produzenten praktisch am Limit sind.“
OPEC+ hat bereits etwa 73 Prozent der 3,85 Millionen bpd wiederaufgenommen, die seit 2023 stillgelegt wurden, wodurch kaum Spielraum für weitere Erhöhungen bleibt. Analysten von Goldman Sachs schätzen, dass ein Kriegsrisikopremium von 18 Dollar pro Barrel in die aktuellen Preise eingebaut ist, wobei der Rohölpreis Brent bis auf 82,37 Dollar pro Barrel gestiegen ist, der höchste Stand seit 12 Monaten.
LNG-Markt unter Druck
Obwohl der Ölmarkt die Schlagzeilen dominiert, ist die Störung der Exporte von flüssigem Erdgas (LNG) ebenso gravierend. Katar, der zweitgrößte LNG-Exporteur der Welt, schickt alle seine Lieferungen über den Hafen Hormuz, der etwa 20 Prozent der globalen LNG-Lieferung ausmacht. Analysten von Goldman Sachs schätzen, dass eine Monatsblockade der LNG-Exporte durch den Hafen die Spot-Preise für LNG in Asien um 130 Prozent in die Höhe treiben könnte.
Auch die europäischen Erdgasmärkte, die nach der Energiekrise nach dem Ukraine-Krieg noch immer ihre Reserven aufbauen, sind stark gefährdet. Laut den Rohstoffstrategen von ING wird neue US-LNG-Exportkapazität in Betrieb genommen, doch sie kann nicht schnell genug angeschaltet werden, um einen plötzlichen Verlust der katarischen Liefermengen auszugleichen. Die Reduzierung der Förderung aus den eigenen Offshore-Gasfeldern Israels vergrößert die Verletzbarkeit zusätzlich.
Die Kombination aus gestörten Exporten aus dem Golf, reduzierter regionaler Produktion und unelastischer Nachfrage in Schlüsselimportländern schafft die Voraussetzungen für einen erheblichen und anhaltenden Preisanstieg auf den Gasmärkten. Dies könnte wirtschaftlich ebenso schädlich sein wie der Anstieg der Rohölpreise.
Am Ende werden die Märkte nicht von Produktionsquoten, sondern von der Geschwindigkeit bestimmt, mit der der Konflikt sich beruhigt. Sollte der Hafen Hormuz schnell wieder geöffnet werden, können die Tanker ihre Transitfahrten rasch wieder aufnehmen und die Lieferengpässe verringern. Sollte der Konflikt jedoch länger andauern, könnten strategische Reservefreigaben, Nachfrageverluste bei preissensitiven Käufern und ein Schwenken Indiens zurück zu russischem Rohöl nur teilweise Linderung bringen, keine vollständige Ersatz für die wiederhergestellten Lieferungen.
Bislang bleiben OPEC+’s „Papierbarrels“ genau das – ein symbolischer Schritt vor dem Hintergrund einer sich verschärfenden globalen Energiekrise.
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