Premierminister Justin Carney kündigte an, Kanada werde eine „eigene Sicherheits- und Wirtschaftsallianz“ mit der Europäischen Union verfolgen. Dies signalisiert eine Strategiewechsel inmitten eskalierender Handelskonflikte mit den USA. „Die Welt wird zunehmend geteilt und gefährlich; Souveränität und Offenheit stehen nun im Widerspruch“, sagte Carney bei einem kürzlichen Gipfel, wie The Guardian meldete. Er fügte hinzu, Kanada habe einen „Bruch“ in den globalen wirtschaftlichen Beziehungen früher erkannt als die meisten anderen Länder und reagiere darauf, indem es Partnerschaften im Ausland diversifiziert und die nationale Resilienz stärkt.
Strategische Begründung für die EU-Allianz
Carneys Äußerungen erfolgten im Rahmen einer umfassenden diplomatischen Strategie, um Kanadas wirtschaftliche Abhängigkeit von den USA zu reduzieren. Die USA machten 2025 72,5 Prozent der kanadischen Warenexporte aus, wie der jährliche Handelsbericht des Landes angibt. Aufgrund der Handelsdruckmaßnahmen der USA hat Kanada Gegenmaßnahmen in Form von Rachezöllen ergriffen, um Washingtons wirtschaftlichen Druck nach der Zusammenbruch der Verhandlungen im vergangenen Monat zu spiegeln. Zudem hat Carney eine Graswurzel-Boykottkampagne gegen US-Produkte angemahnt und Kanadiern geraten, „wirtschaftliche Macht im Haushalt zurückzugewinnen“, wie Time Magazine berichtete.
Kanada hat bereits Schritte unternommen, um seine Handelsbeziehungen zu diversifizieren. Im Januar traf sich Carney mit dem chinesischen Präsidenten Xi Jinping, um eine „neue strategische Partnerschaft“ einzugehen. Dabei einigten sie sich darauf, Kanadas 100-prozentige Zoll auf chinesische Elektroautos zu senken, im Austausch für niedrigere Zölle auf kanadische Agrarprodukte, darunter Rapskörner, einen wichtigen Exportartikel. Gleichzeitig gründete Kanada bei dem EU-Kanada-Gipfel im Juni 2025 eine neue Sicherheits- und Verteidigungspartnerschaft mit der Union. Ein gemeinsamer Erlass betonte dabei gemeinsame Werte wie Demokratie, Menschenrechte und freie Märkte.
Visumfreies Reisen und diplomatische Aktivitäten
Obwohl konkrete Details noch in der Diskussion sind, deutete Carney an, dass es möglicherweise zu visumfreien Reisen und Arbeitsmöglichkeiten zwischen Kanada und der EU kommen könnte. „Unsere Reaktion spiegelt zwei Lehren wider: Erstens, wir müssen uns selbst schützen, und zweitens, wir müssen uns gegenseitig schützen“, sagte er, wie The Guardian berichtete. Kanada ist zudem das einzige nichteuropäische Mitglied im europäischen Verteidigungsbeschaffungsprogramm, was während des Gipfels hervorgehoben wurde.
Carney wird am kommenden Wochenende Ehrengast bei der Plenarsitzung des Europäischen Parlaments in Straßburg sein. Er wird am Mittwoch der jährlichen Rede der Präsidentin der Europäischen Kommission, Ursula von der Leyen, beizuwohnen und am Donnerstag vor den Abgeordneten sprechen, während von der Leyen anwesend ist. Von der Leyen wird voraussichtlich neue Bereiche für die Zusammenarbeit zwischen EU und Kanada in ihrer Rede skizzieren.
Spannungen mit den USA und geopolitische Veränderungen
Die Beziehungen zwischen den USA und Kanada haben sich in den letzten Monaten scharf verschlechtert. Trump habe öffentlich ausgedrückt, Kanada anzuexkludieren und es zur „51. Bundesstaat“ zu machen, berichtete Time Magazine. Zudem drohte er, Zölle politisch einzusetzen. Carney bezeichnete den Handelsstreit als „Krieg“, betonte aber auch, dass Kanadas globaler Blick optimistisch sei und hunderte Milliarden an neuen Investitionen anziehen könne.
Obwohl die EU-Allianz noch in den Anfängen steckt, spiegelt sie Kanadas umfassende Strategie wider, ein diversifizierteres internationales Unterstützungssystem aufzubauen. Carney betonte, dass die Allianz auf gemeinsamen Werten und komplementären Stärken beruhe. „Wir teilen die gleichen Werte, wir haben die gleichen Prioritäten, und wir haben sehr komplementäre Stärken“, sagte er am Sonntag beim Toronto International Film Festival.
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