Hinter dem Lärm eines ‘Iran-Deals’ brennt Palästina weiter, während die palästinensischen Gebiete unter unermüdlicher israelischer Gewalt leiden. Viele Menschen im Westen, selbst bei regem Interesse an internationalen Nachrichten, haben wahrscheinlich nicht von Sam Fahd Abu Haikal gehört, dem siebenmonatigen palästinensischen Säugling, den israelische Soldaten am Beginn dieses Monats in Hebron im besetzten Westjordanland ins Gesicht schossen und töteten.

Steigende Gewalt in den besetzten Gebieten

Sie wissen wahrscheinlich auch nichts über die unermüdlich steigende israelische Gewalt in den restlichen besetzten Gebieten. Tatsächlich erwähnt die westliche Medienlandschaft selten Orte wie Sinjil, ein von Stacheldraht umzingeltes Westjordanland-Dorf, dessen Einwohner nicht auf ihr eigenes Land zugreifen dürfen. Nachrichtensendungen erwähnen selten, wie israelische Siedler weiterhin Häuser und Autos in Brand stecken, Palästinenser in ihren Dörfern belästigen, bedrohen und foltern, wobei sie sich der vollen Unterstützung und Schutz durch die israelische Armee erfreuen.

Die Tatsache, dass mehr als die Hälfte von Gaza in den letzten Monaten faktisch annektiert wurde und die palästinensischen Bewohner des Kriegsgebiets immer noch hungern, ohne auf die grundlegendsten Lebensnotwendigkeiten zugreifen zu können, wird in langen Artikeln über Israels angebliche Sicherheitsbedenken und Schwierigkeiten nur am Rande erwähnt.

Palestina als ‘veraltete’ Nachricht

Die Folge ist, dass ein großer Teil der westlichen Öffentlichkeit, von den USA bis nach Deutschland, den Eindruck hat, dass Palästina mittlerweile eine Art ‘veraltete’ Nachricht sei. Während der Krieg mit Iran die Schlagzeilen übernahm, sank die Berichterstattung über Gaza, während die Tötungen weitergingen. Sie glauben, Israel habe seinen Angriff auf Palästina mit dem sogenannten ‘Waffenstillstand’ in Gaza beendet und konzentriere sich nun allein auf seinen viel größeren Krieg der ‘Selbstverteidigung’ gegen den ‘Terrorstaat’ Iran und dessen Verbündeten, die Hisbollah in Libanon.

Nun, da Iran und die USA verkündeten, dass sie einen Deal erreicht hätten, sprechen die Schlagzeilen vom ‘Kriegsende’. Doch Israels Krieg ist noch lange nicht vorbei, denn er war nie primär gegen Iran gerichtet. Iran ist nur ein weiterer Front in dem gleichen langen Krieg gegen Palästina.

Seit der Waffenstillstand im Oktober in Kraft trat, schießt Israel fast täglich in Gaza, wobei bis zum Frühjahr über 2000 Verstöße dokumentiert wurden und mindestens 981 Palästinenser getötet wurden, viele davon Kinder – erschossen, weil sie sich einer gelben Linie näherten, die sich immer weiter auf sie zubewegt. Die Gebäude stürzen weiter ein. Die Kinder sterben weiter. Die Scharfschützen sind immer noch da. Die Drohnen sind immer noch da. Die Bagger sind immer noch da. Und wir sollen dies einen ‘Waffenstillstand’ nennen.

Unterernährung und Elend in Gaza

Der Hunger ist ebenfalls nicht vorbei. Hilfe wird nicht als Recht betrachtet, sondern als Berechnung: Wie wenig kann hereingelassen werden, wie langsam kann sie sich bewegen, wie lange können Menschen am Leben gehalten werden, ohne ihnen das Leben zu erlauben.

Im Mittel-März, als die Aufmerksamkeit der Welt sich auf Iran richtete, sandte die israelische Armee Hilfsorganisationen Karten, die zeigten, dass sie sich 11 Prozent weiter vorangeschoben hatte, von den 53 Prozent, die der Waffenstillstand ihr gewährte, auf 64. Bis Ende Mai verkündete Israels Ministerpräsident Benjamin Netanyahu auf einer Siedlerkonferenz, dass die Armee bereits 60 Prozent kontrolliere und er ihr befohlen habe, 70 Prozent zu besetzen, während das Publikum nach 100 Prozent schrie und er ihnen versicherte, dass Israel in geordneter Weise vorgehe, zunächst 70 Prozent zu besetzen.

Palestinenser können sich nicht mehr auf etwa zwei Drittel ihres eigenen Territoriums bewegen, einschließlich fast aller Ackerflächen im Gazastreifen östlich der gelben Linie. Die Geografie diktiert nun Hungersnot. Bauern werden erschossen, wenn sie versuchen, auf ihr Land zu gelangen. Fischer sterben, wenn sie versuchen, auf das Meer zu gelangen. Familien werden beschossen, wenn sie versuchen, in das, was von ihren Häusern übrig ist, zurückzukehren. Kinder, die nach Nahrung suchen, werden als Ziele betrachtet, weil sie Linien übertreten, die Israel durch ihre eigenen Nachbarschaften zieht. Dies ist Völkermord, verabreicht als Geografie.

Und genau das hilft die Geschichte über Iran zu übertünchen. Wenn die Grenzübergänge in Gaza geschlossen werden, nennt Israel das Sicherheit. Wenn die Hilfe blockiert wird, sagt es, die Region sei unter Bedrohung. Wenn Palästinenser getötet werden, werden sie in den Krieg gegen Iran eingereiht, nachdem sie bereits getötet wurden, und werden zu Terroristen deklariert. Die Toten werden zu Agenten, zu Komplizen, zu Bedrohungen. Die Zugehörigkeit wird nach dem Töten erfunden, als würde das den Tod von Kindern entschuldigen.

Und so verschwindet Palästina weiterhin in einer anderen Geschichte. Die Toten sind nicht mehr tot, weil Israel sie tötete. Sie sind tot, weil die Region instabil sei, weil Iran gefährlich sei, weil Israel sich verteidige. Jeder palästinensische Körper muss eine Erklärung tragen, die größer ist als das Leben, das genommen wurde.

Der gleiche Mechanismus ist auch im südlichen Libanon zu erkennen, wobei selbst dort die Geschichte nicht als gezielte Vertreibung, sondern als weiterer Front gegen die Hisbollah oder Iran erzählt wird. Evakuierungsanordnungen reißen Menschen von allem los, was südlich des Litani-Flusses liegt. Etwa ein Fünftel Libanons wurde zur Evakuierung verpflichtet. Mehr als 1,2 Millionen Menschen wurden aus ihren Häusern vertrieben. Krankenhäuser und Ambulanzen wurden getroffen. Das Land wurde mit Weißphosphor in Brand gesetzt. Wenn vertriebene Familien versuchen, gegen israelische Anweisungen nach Hause zu gehen, werden sie als Bedrohungen betrachtet, weil in diesem System die bestraubare Straftat, sowohl in Gaza als auch in Libanon, darin besteht, nach Hause zu gehen.

Die Zerstörung in Libanon schiebt Palästina nicht in die Vergangenheit. Sie zeigt nur, was Israel nach Gaza gelernt hat: Menschen aus ihren Häusern verbannen, das, was sie zurücklassen, zerstören und das leere Land als Sicherheitszone bezeichnen. Der Iran-Frame macht all das zu einer regionalen Sicherheitsgeschichte. Er macht jeden Front zu etwas getrenntem, jede Opferzahl zu etwas zufälligem und jedes leere Dorf zu einem unglücklichen Geografieelement in jemand anderem Krieg. Die gleiche Sprache folgt den Vertriebenen überallhin. Wenn sie bleiben, sind sie menschliche Schilder. Wenn sie fliehen, ist das Beweis dafür, dass das Land geräumt wurde. Wenn sie zurückkehren, sind sie Bedrohungen.

Kein Deal mit Iran kann fälschlicherweise als ‘Ende